Saxophon in Hannover – Geschichte, Tradition und zwei musikalische Welten

KI-generierte historische Rekonstruktion: Sigurd Raschèr als Saxophonsolist mit Orchester – inspiriert von der Hannoveraner Uraufführung 1932. © ArtMuz
KI-generierte historische Rekonstruktion: Sigurd Raschèr als Saxophonsolist mit Orchester – inspiriert von der Hannoveraner Uraufführung 1932. © ArtMuz

Hannover nimmt in der deutschen Geschichte des Saxophons einen besonderen Platz ein. Dabei lassen sich zwei Linien erkennen, die sich unterschiedlich entwickelten und doch immer wieder berührten: das klassische, konzertante Saxophon auf der einen Seite und Jazz, Improvisation und Bigband-Kultur auf der anderen.

Von einer einheitlichen „Hannoverschen Saxophonschule“ mit einer eigenen Spieltechnik oder einem klar definierten Klangideal zu sprechen, wäre zu weitgehend. Dafür gibt es keine ausreichenden Belege. Bemerkenswert ist vielmehr die Folge von Ereignissen, Musikern und pädagogischen Entwicklungen, die Hannover mit wichtigen Etappen der deutschen Saxophongeschichte verbindet.

Dazu gehören eine bedeutende Uraufführung des frühen Konzertrepertoires, die jahrzehntelange Ausbildung klassischer Saxophonisten, die frühe Verankerung von Jazz und Improvisation an der Musikhochschule sowie die Entwicklung von Bigband- und Ensemblearbeit. Gerade das Nebeneinander dieser beiden musikalischen Welten macht die Geschichte des Saxophons in Hannover besonders interessant.

1932: Hannover und der Weg des Saxophons auf die Konzertbühne

Eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Hannover und der internationalen Saxophongeschichte führt zum 3. Oktober 1932. An diesem Tag wurde beim Musikfest in Hannover das Konzert für Altsaxophon und Orchester op. 6 von Edmund von Borck uraufgeführt. Solist war Sigurd Raschèr, die musikalische Leitung hatte Rudolf Krasselt.

Die Bedeutung dieser Aufführung liegt nicht nur darin, dass ein neues Werk erklang. Von Borcks Konzert wird in der Fachliteratur immer wieder als eines der frühesten und teilweise sogar als das erste eigentliche Konzert für Saxophon und Orchester bezeichnet. Mit solchen historischen Superlativen sollte man vorsichtig umgehen, weil die frühe Literatur des Instruments komplexer ist. Unstrittig ist jedoch, dass dieses Werk in einer Phase entstand, in der sich das Saxophon seinen Platz als selbstständiges Soloinstrument auf der klassischen Konzertbühne erst erarbeiten musste.

Sigurd Raschèr und Edmund von Borck

Raschèr gehörte zu den Musikern, die diesen Wandel wesentlich vorantrieben. Nach seiner eigenen Erinnerung entstand von Borcks Konzert aus einer persönlichen Begegnung: Raschèr hatte den Komponisten gefragt, was dieser vom Saxophon als Soloinstrument halte. Einige Zeit später erhielt er die Nachricht, dass ein Konzert für ihn geschrieben worden sei.

Nach der Uraufführung in Hannover spielte Raschèr das Werk bereits am 6. Januar 1933 in Berlin mit dem Radio-Sinfonieorchester unter Eugen Jochum und anschließend in Straßburg unter Hermann Scherchen. 1935 folgte eine Aufführung mit dem Concertgebouw-Orchester in Amsterdam.

Damit war Hannover Schauplatz eines Ereignisses, das nicht auf die Stadt beschränkt blieb. Die Premiere stand in einem größeren Prozess, in dem das Saxophon zunehmend auch außerhalb von Tanzmusik, Unterhaltung und Jazz als ernst zu nehmendes Konzertinstrument wahrgenommen wurde.

Quelle: Musikproduktion Höflich / Repertoire Explorer – Edmund von Borck und Sigurd Raschèr

Von den deutschen Pionieren zur akademischen Tradition in Hannover

Die Entwicklung des klassischen Saxophons in Deutschland begann selbstverständlich nicht erst 1932 in Hannover. Zu ihren frühen Pionieren gehörte Gustav Bumcke.

Bumcke war deutscher Musiker und Komponist und widmete einen erheblichen Teil seiner Arbeit dem klassischen Saxophon. 1902 lernte er während einer Reise nach Paris einen Sohn von Adolphe Sax kennen. Anschließend brachte er acht Saxophone unterschiedlicher Größen nach Berlin. Er unterrichtete das Instrument, schuf zahlreiche Kompositionen dafür und gründete das erste deutsche Saxophonorchester.

Bumcke selbst war kein Hannoveraner Musiker. Seine Verbindung zu Hannover entstand später über sein musikalisches Erbe. Der internationale Musikwettbewerb für Saxophon „Gustav Bumcke“, benannt nach dem deutschen Saxophonpionier, wurde auch an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ausgerichtet. Hermann Cordes war an der Organisation solcher internationalen Saxophonveranstaltungen an der HMTMH beteiligt.

KI-generierte historische Rekonstruktion zur Jazz- und Bigband-Tradition des Saxophons in Hannover. © ArtMuz
KI-generierte historische Rekonstruktion zur Jazz- und Bigband-Tradition des Saxophons in Hannover. © ArtMuz

Damit ergibt sich eine interessante Verbindung über mehrere Generationen: Das Andenken an einen der frühen deutschen Wegbereiter des klassischen Saxophons wurde später auch in Hannover innerhalb einer professionellen Hochschul- und Wettbewerbskultur weitergetragen.

Quelle: ARDESA – Gustav-Bumcke-Wettbewerb und Gustav Bumcke

Hermann Cordes und drei Jahrzehnte Saxophonausbildung

Für eine kontinuierliche akademische Saxophontradition in Hannover ist Hermann Cordes eine der zentralen Persönlichkeiten.

Von 1987 bis 2017 unterrichtete er an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover Saxophon, Methodik und Kammermusik. Die Hochschule beschreibt ihn als einen der wenigen deutschen Saxophonisten, die sich bereits Anfang der 1980er-Jahre intensiv mit klassischer und moderner Konzertliteratur für dieses Instrument beschäftigten. Sie schreibt ihm ausdrücklich einen wesentlichen Anteil an der Förderung des konzertanten Saxophons in Deutschland zu.

Seine Arbeit war international orientiert. Künstlerische Impulse erhielt Cordes unter anderem von Jean-Marie Londeix, Iwan Roth, Eugene Rousseau und Claude Delangle. Gleichzeitig beschäftigte er sich bei Herb Geller mit Jazzstilistik. Schon in seiner eigenen Entwicklung berührten sich damit die klassische und die improvisierte Seite des Instruments.

Besonders nachhaltig wirkte Cordes als Pädagoge. Aus seinen Klassen in Hannover und Bremen gingen Preisträger, international erfolgreiche Solisten, Kammermusiker und spätere Saxophonprofessoren hervor. Die HMTMH weist ausdrücklich darauf hin, dass viele seiner ehemaligen Schüler und Kollegen das vermittelte Wissen heute an neue Generationen von Saxophonisten in Deutschland weitergeben.

Cordes organisierte außerdem Meisterkurse mit international bekannten Saxophonsolisten und war an der Durchführung internationaler Veranstaltungen wie des Gustav-Bumcke-Wettbewerbs an der HMTMH beteiligt.

Auch die Kammermusik spielte eine wichtige Rolle. Das Hannover Saxophonquartett um Cordes erlangte in den 1990er-Jahren internationale Aufmerksamkeit. Damit wurde das Saxophon in Hannover nicht nur als Soloinstrument, sondern auch als eigenständiges Kammermusikinstrument gepflegt.

Quelle: HMTMH – Hermann Cordes und das konzertante Saxophon

Die zweite Linie: Jazz, Improvisation und Bigband

Parallel zur akademischen Entwicklung besitzt Hannover eine lange Jazztradition.

Der Jazz Club Hannover wurde 1966 gegründet. Bereits 1967 veranstaltete er „Swinging Hannover“ und die ersten „Jazztage Hannover“. Noch wichtiger für die spätere Ausbildung war ein Schritt im Jahr 1971: Der Club initiierte die Einrichtung eines Jazz-Seminars an der Hochschule für Musik und Theater.

Diese Geschichte ist nicht automatisch eine Geschichte des Saxophons. Jazz ist selbstverständlich weit mehr als ein einzelnes Instrument. Für das Saxophon war eine solche Umgebung jedoch besonders wichtig, weil es im Jazz des 20. Jahrhunderts zu einem der zentralen Solo- und Ensembleinstrumente wurde.

Quelle: Jazz Club Hannover – Geschichte

Joe Viera und der Beginn systematischer Jazzpädagogik

Zu den wichtigen Persönlichkeiten dieser Entwicklung gehörte der Saxophonist Joe Viera.

Er lehrte von 1971 bis 1997 an der Musikhochschule Hannover. Bevor dort ein eigenständiger Studienbereich JazzRockPop entstand, gab es ein offenes Praxisangebot für Studierende unterschiedlicher Studiengänge. Dazu gehörten Combospiel, Stilistik und Einführungen in die Improvisation. In der historischen Darstellung der HMTMH wird Joe Viera ausdrücklich mit dieser Phase verbunden.

Das war mehr als eine Erweiterung des Unterrichtsangebots. Improvisation und Jazzstilistik wurden damit zu Gegenständen systematischer musikalischer Ausbildung.

NDR Bigband im Meldorfer Dom. Foto: Dirk Ingo Franke / Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0 · bearbeitet
NDR Bigband im Meldorfer Dom. Foto: Dirk Ingo Franke / Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0 · bearbeitet

Zum Wintersemester 1985/86 startete schließlich der erste Jahrgang JazzRockPop. Die heutige HMTMH gehört damit zu den frühen deutschen Hochschulen, die Jazz, Rock und Pop als reguläres Studienfach etablierten.

Viera steht deshalb nicht nur für den Saxophonisten auf der Bühne. Er gehört zu jener Generation von Musikern, die daran mitarbeitete, Jazzwissen, Improvisation und Ensemblespiel in Deutschland auch institutionell zu vermitteln.

Quellen: HMTMH – Geschichte von JazzRockPop und Joe Viera · Institut für Jazz|Rock|Pop der HMTMH

Lothar Krist: Saxophon, Improvisation und Bigband

Eine weitere wichtige Persönlichkeit dieser Entwicklung ist Lothar Krist. Seine Laufbahn verbindet klassische Saxophonausbildung, Jazz, Rock und Pop, professionelle Bigband-Arbeit, Arrangement, Komposition und Pädagogik.

Krist schloss sein Studium mit künstlerischer Reife im Fach klassisches Saxophon ab und beschäftigte sich zusätzlich mit Jazz, Rock und Pop. Von 1978 bis 1985 spielte er als Saxophonist im Tanzorchester von Radio Bremen und in der NDR Bigband.

1983 wechselte er an die Musikschule Hannover. Die Landeshauptstadt Hannover dokumentiert, dass er dort die Einrichtung von Improvisationskursen und einer Bigband initiierte. Gleichzeitig arbeitete Krist als Dozent an der Musikhochschule Hannover.

1987 gründete er die Hannover BigBand.

Seine Arbeit zeigt eine andere Seite der Saxophontradition als diejenige von Raschèr oder Cordes. Hier steht das Instrument im Zusammenhang mit Improvisation, Zusammenspiel, Arrangement und Bigband-Praxis. Ein Saxophonist ist dabei nicht nur Solist, sondern zugleich Teil eines Satzes und einer größeren musikalischen Architektur.

Quellen: Landeshauptstadt Hannover – Jazz/Rock/Pop an der Musikschule · Lothar Krist – Biografie und Hannover BigBand

Zwei Traditionen, die bis heute weiterleben

Die beiden historischen Linien haben sich nicht gegenseitig verdrängt. Klassisches Saxophon, zeitgenössische Musik und Kammermusik stehen in Hannover neben Jazz, Improvisation, Ensemble- und Bigband-Arbeit.

Auch die Hochschule bewahrt diese Breite. Das Institut für Jazz|Rock|Pop führt die Ausbildung in Jazz und verwandten Musikformen fort, während das Saxophon zugleich im klassischen Hochschulumfeld präsent bleibt.

Gerade darin zeigt sich die Besonderheit der Entwicklung: Das Instrument wurde nicht auf eine einzige musikalische Funktion festgelegt. Seine verschiedenen Seiten konnten sich parallel entwickeln.

Was Hannover zur Geschichte des Saxophons beigetragen hat

Die Besonderheit Hannovers liegt nicht in einem einzelnen berühmten Musiker und auch nicht in einem festgelegten „Hannoverschen Klang“. Sie liegt in der ungewöhnlichen Kontinuität verschiedener Entwicklungen.

1932 wurde hier ein Werk uraufgeführt, das zu den wichtigen frühen Konzerten für Saxophon und Orchester gehört. Später wurde klassische und moderne Saxophonliteratur über Jahrzehnte professionell gelehrt. Gleichzeitig entwickelte sich eine Jazzkultur, aus der früh institutionelle Angebote für Improvisation, Combospiel und schließlich eine reguläre Hochschulausbildung entstanden. Wettbewerbe, Ensembles und Bigbands ergänzten diese Entwicklung.

Aus meiner Sicht haben diese Ereignisse und Persönlichkeiten weit über Hannover hinausgewirkt. Sie waren Teil jener Prozesse, durch die das Saxophon in Deutschland seinen heutigen Platz zwischen Konzertsaal, Jazzclub, Hochschule, Bigband, Studio und moderner Bühne gefunden hat.

In diesem Sinne hat die Geschichte des Saxophons in Hannover die moderne Musikkultur Deutschlands – und über Künstler, Pädagogen und musikalische Strukturen auch Bereiche der heutigen Musikindustrie – mitgeprägt.

Gerade darin liegt ihre Besonderheit: Es ist keine Geschichte eines einzigen Stils. Es ist die Geschichte eines Instruments, das in Hannover über viele Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichen musikalischen Welten eine dauerhafte Rolle gefunden hat.

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