Die Geschichte des Saxophons in Hannover lässt sich auch über Menschen erzählen. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Musiker aufzuzählen. Interessanter sind diejenigen Persönlichkeiten, deren Arbeit tatsächlich etwas verändert hat: Pioniere, Solisten und Pädagogen, die neues Repertoire, neue Unterrichtsformen oder neue Möglichkeiten für das Instrument geschaffen haben.
Nicht alle wurden in Hannover geboren oder verbrachten ihr gesamtes Leben in der Stadt. Entscheidend ist ihre tatsächliche Verbindung zu Hannover und die Rolle, die diese Verbindung innerhalb einer größeren musikalischen Entwicklung spielte.
Wegbereiter des klassischen Saxophons
Die klassische Geschichte des Instruments entstand aus der Arbeit verschiedener Musiker, die zu unterschiedlichen Zeiten dafür sorgten, dass für das Saxophon Repertoire, Unterrichtsmöglichkeiten, Ensembles und schließlich eine professionelle Ausbildung entstanden.
Gustav Bumcke – ein früher deutscher Saxophonpionier
Gustav Bumcke, geboren 1876, gehört zu den frühen Pionieren des klassischen Saxophons in Deutschland.
1902 lernte er während einer Reise nach Paris einen Sohn von Adolphe Sax kennen. Bumcke brachte anschließend acht Saxophone unterschiedlicher Größen nach Berlin und widmete einen erheblichen Teil seiner weiteren Arbeit dem Instrument.
Er unterrichtete Saxophon, gründete eine eigene Saxophonklasse, komponierte zahlreiche Werke und rief das erste deutsche Saxophonorchester ins Leben. Damit arbeitete er bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch daran, für das klassische Saxophon in Deutschland eine eigenständige musikalische Grundlage zu schaffen.
Bumcke war kein Musiker aus Hannover. Trotzdem gibt es eine konkrete Verbindung zur späteren Hannoveraner Saxophontradition.
Der internationale Musikwettbewerb für Saxophon „Gustav Bumcke“ wurde nach ihm benannt. Dieser Wettbewerb wurde auch an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ausgerichtet. Hermann Cordes war an der Organisation dieser und anderer internationaler Saxophonveranstaltungen an der Hochschule beteiligt.
Dadurch begegnen sich zwei Generationen: das Erbe eines frühen deutschen Saxophonpioniers und eine spätere professionelle Saxophonausbildung in Hannover.
Quellen: ARDESA – Gustav Bumcke und der internationale Saxophonwettbewerb · HMTMH – Hermann Cordes und der Gustav-Bumcke-Wettbewerb
Sigurd Raschèr – Hannover als Schauplatz eines historischen Durchbruchs
Sigurd Raschèr war ebenfalls kein Hannoveraner im biografischen Sinn. Trotzdem gehört sein Name unbedingt in diese Geschichte.
Am 3. Oktober 1932 spielte er in Hannover die Uraufführung des für ihn geschriebenen Konzerts für Altsaxophon und Orchester op. 6 von Edmund von Borck.
Raschèr gehörte zu den wichtigen Wegbereitern des klassischen Saxophons im 20. Jahrhundert. Seine Rolle bestand nicht allein darin, vorhandene Literatur zu interpretieren. Er suchte aktiv den Kontakt zu Komponisten und setzte sich dafür ein, dass Originalwerke für das Saxophon entstanden.
Von Borcks Konzert ist ein besonders frühes Beispiel dafür. Nach der Hannoveraner Premiere führte Raschèr es in Berlin und Straßburg auf, später auch mit dem Concertgebouw-Orchester.
Damit wurde Hannover zum Schauplatz eines wichtigen Moments sowohl in Raschèrs Laufbahn als auch in der Entwicklung des Saxophons als konzertantes Soloinstrument.

Quelle: Musikproduktion Höflich / Repertoire Explorer – Sigurd Raschèr und Edmund von Borck
Hermann Cordes – aus einer Hochschulklasse werden neue Generationen
Hermann Cordes steht für eine andere Form musikalischen Einflusses. Bei ihm geht es nicht um ein einzelnes historisches Konzert, sondern um drei Jahrzehnte kontinuierlicher Arbeit.
Von 1987 bis 2017 unterrichtete Cordes an der HMTMH Saxophon, Methodik und Kammermusik. Die Hochschule beschreibt ihn als einen Musiker, der wesentlich zur Förderung des konzertanten Saxophons in Deutschland beigetragen hat.
Seine künstlerischen Kontakte reichten zu international bedeutenden Saxophonisten wie Jean-Marie Londeix, Iwan Roth, Eugene Rousseau und Claude Delangle. Bei Herb Geller beschäftigte er sich zugleich mit Jazzstilistik.
Besonders nachhaltig war seine pädagogische Arbeit. Aus seinen Klassen gingen Preisträger, international tätige Solisten, Kammermusiker und spätere Saxophonprofessoren hervor. Sein Einfluss blieb damit nicht in Hannover: Schüler und Kollegen trugen das vermittelte Wissen in andere Regionen und an neue Generationen weiter.
Cordes förderte außerdem den internationalen Austausch durch Meisterkurse und Wettbewerbe. Dazu gehörte auch die Ausrichtung des internationalen Saxophonwettbewerbs „Gustav Bumcke“ an der HMTMH.
Seine Arbeit mit dem Hannover Saxophonquartett zeigt eine weitere Seite seiner Tätigkeit. Das Saxophon wurde nicht nur als Soloinstrument behandelt, sondern auch als eigenständige kammermusikalische Besetzung.
Quelle: HMTMH – Hermann Cordes
Saxophonisten zwischen Jazz, Improvisation und Pädagogik
Eine andere Geschichte des Instruments entwickelte sich über den Jazz. Hier ging es nicht allein um neue Musik, sondern auch darum, Improvisation, Stilistik und Ensemblespiel systematisch vermittelbar zu machen.
Joe Viera – der Saxophonist als Jazzpädagoge
Joe Viera gehört zu den wichtigen Pionieren der deutschen Jazzpädagogik. In Hannover lehrte er von 1971 bis 1997 an der Musikhochschule.
Gerade das Jahr 1971 ist für die lokale Geschichte wichtig. Der Jazz Club Hannover initiierte damals die Einrichtung eines Jazz-Seminars an der Hochschule.
Vor der späteren Gründung eines eigenständigen JazzRockPop-Studienbereichs existierte dort ein offenes Praxisangebot für Studierende. Dazu gehörten Combospiel, Stilistik und Einführungen in die Improvisation. Die HMTMH nennt Joe Viera ausdrücklich als wichtigen Namen dieser Phase.
Vieras Bedeutung liegt deshalb nicht nur in seiner Arbeit als Saxophonist. Er gehörte zu einer Generation, die Jazzwissen strukturierte, Improvisation vermittelte und Jazzpädagogik als ernst zu nehmenden Bestandteil professioneller Musikausbildung entwickelte.
Zum Wintersemester 1985/86 begann schließlich der erste Jahrgang JazzRockPop in Hannover.
Quellen: Jazz Club Hannover – Jazz-Seminar 1971 · HMTMH – Joe Viera und die Anfänge von JazzRockPop
Lothar Krist – Saxophon, Improvisation und Bigband als Einheit
Lothar Krist steht für eine weitere Entwicklungsstufe. Seine Laufbahn verbindet klassische Saxophonausbildung mit Jazz, Bigband, Komposition, Arrangement und Unterricht.
Er schloss sein Musikstudium mit künstlerischer Reife im Fach klassisches Saxophon ab und studierte daneben Jazz, Rock und Pop. Von 1978 bis 1985 spielte er als Saxophonist im Tanzorchester von Radio Bremen und in der NDR Bigband.

1983 wechselte Krist an die Musikschule Hannover. Dort initiierte er Improvisationskurse und eine Bigband. Parallel dazu arbeitete er als Dozent an der Musikhochschule Hannover.
1987 gründete er die Hannover BigBand.
Bei Krist wird besonders deutlich, wie breit die professionelle Rolle eines Saxophonisten sein kann. Instrumentalist, Improvisator, Satzspieler, Pädagoge, Arrangeur, Komponist und Bandleader sind hier keine voneinander getrennten Welten.
Genau diese Verbindung macht seine Bedeutung für Hannover aus. Saxophonunterricht erscheint nicht isoliert, sondern als Teil einer musikalischen Praxis, zu der Ensemblearbeit, Improvisation und Arrangement selbstverständlich dazugehören.
Quellen: Landeshauptstadt Hannover – Lothar Krist und die Jazz/Rock/Pop-Arbeit der Musikschule · Lothar Krist – Biografie und Hannover BigBand
Was diese Persönlichkeiten miteinander verbindet
Gustav Bumcke, Sigurd Raschèr, Hermann Cordes, Joe Viera und Lothar Krist gehören unterschiedlichen Generationen an. Sie vertraten verschiedene musikalische Vorstellungen und hatten sehr unterschiedliche Beziehungen zu Hannover.
Aus ihnen nachträglich eine einheitliche „Hannoversche Saxophonschule“ zu konstruieren, wäre deshalb falsch.
Trotzdem ergibt sich aus ihren Biografien eine nachvollziehbare Entwicklung.
Bumcke steht für frühe deutsche Pionierarbeit rund um das klassische Saxophon. Über den nach ihm benannten internationalen Wettbewerb wurde sein Name später auch Teil der Hannoveraner Hochschulgeschichte.
Raschèr verbindet Hannover mit einer wichtigen Phase der Entstehung des klassischen Saxophonkonzerts.
Cordes machte die systematische Arbeit mit klassischer und moderner Saxophonliteratur über drei Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil professioneller Ausbildung in Hannover und beeinflusste über seine Schüler weitere Generationen.
Viera steht für die frühe Vermittlung von Jazz und Improvisation an der Musikhochschule.
Krist verbindet diese Entwicklung mit Bigband-Praxis, Arrangement, Improvisation und städtischer Musikschularbeit.
Diese Musiker bilden keine geschlossene Schule. Gemeinsam zeigen sie jedoch, welche unterschiedlichen Funktionen das Saxophon im Laufe des 20. Jahrhunderts übernehmen konnte: klassisches Soloinstrument, Kammermusikinstrument, Jazzstimme, Bigband-Instrument und Gegenstand professioneller Instrumental- und Improvisationspädagogik.
Gerade darin liegt die Bedeutung Hannovers. Die Stadt ist nicht nur mit einem einzelnen berühmten Saxophonisten verbunden. Sie wurde wiederholt zum Ort, an dem wichtige Entwicklungen des Instruments sichtbar wurden – auf der Konzertbühne, in der Hochschule, in der Musikschule und im Jazz.
Aus meiner Sicht haben die damit verbundenen Persönlichkeiten und Ereignisse weit über Hannover hinaus zur Entwicklung der modernen Musikkultur in Deutschland beigetragen. Ihre Wirkung zeigt sich weniger in einem einzelnen „Hannoverschen Stil“ als in der Breite dessen, was ein Saxophonist heute sein kann.






